Archiv für April 2002

STOP! dem Nazi-Zentrum in Gränitz

erschienen in FreibÄrger #27, April 2002

Ex-NPD Chef Günter Deckert will in Gränitz (Sachsen) ein altes Dorfgasthaus renovieren und zu einem bundesweiten Treffpunkt ausbauen. Die Bürgerinitiative „Kein Nazi-Zentrum in Gränitz.. und auch nicht anderswo!“ will sich dagegen zu Wehr setzen. Ein neues bundesweites Nazi-Zentrum? STOP! dem Nazi-Zentrum in Gränitz

Organisierte Neo-Nazis im Landkreis Freiberg? Auf diese Frage antworten Polizeiführung und Kommunalpolitiker regelmäßig mit „gibt es nicht“ oder „nicht so schlimm“, die „Sprüher“ gelten in Freiberg als weitaus gefährlicher. Unumstößlicher Fakt jedoch ist: die organisierten Neo-Nazis werden noch in diesem Frühjahr über ein neues Zentrum verfügen, von dem sie ihre menschenverachtenden Verbrechen noch besser ausführen können. Seit dem der notorische Nazi Günter Deckert das Dorfgasthaus in Gränitz im August erworben hat, sollte jedem Landkreisbewohner klar sein, was auf Freiberg zukommt. Beispiele für solche Zentren und deren politische Ausstrahlung gibt es genug: Wurzen, Zittau in Sachsen, Club 88 in Neumünster oder das inzwischen verbotene und aufgelöste Zentrum in Hetendorf (Niedersachsen). Inzwischen hat sich eine Bürgerinitiative „Kein Nazizentrum in Gränitz… und anderswo“ gegründet, die am 12. April eine Bürgerversammlung im Rathaus von Langenau veranstaltet. Aus deren Flugschrift veröffentlichen wir im folgenden einige Passagen, die wir noch um eigene Recherchen ergänzen. (mehr…)

Cola-Ball im „Deutschen Haus“

Thomas Schade, Sächsische Zeitung, 11.04.02

2002-04-02 / Gränitz/ Freiberg Der Rechtsextremist und Ex-NPD-Chef Deckert baut einen verfallenen Gasthof in Gränitz bei Freiberg um

In Gränitz findet der Dorfklatsch am rollenden Bäckerladen statt. Wichtiges Thema dieser Tage: Das Grundstück Nr. 12, der Gasthof. Der sei früher mal für seinen Tanz in der ganzen Gegend bekannt gewesen, sagt die ältere Frau, die auf der Dorfstraße unterwegs ist. Doch seit Ende der 80er Jahre ist er geschlossen. Die meisten Fenster sind mit Brettern vernagelt. Die Fassade braucht neue Farbe. Ein paar neue Fensterläden verraten, dass sich was tut. Und das ist bedrohlich, so erfahren die rund 160 Einwohner des Ortes gleich hinter Brand-Erbisdorf. Ein „Nazi-Zentrum“ solle der Gasthof werden, verrät ein Flugblatt, das sie im Briefkasten finden. Doch die Frau auf der Dorfstraße hofft: „So schlimm wird´s schon nicht werden. Die werden doch nicht gleich mit Heil Hitler grüßen.“ Wer weiß? Der Mann, der seit Montag wieder vor Ort ist und am Gasthof Gränitz zwischen Friedhof und Festplatz rackert, ist Günter Deckert aus Weinheim, Gymnasiallehrer für Englisch und Französisch, aber 1998 aus dem Schuldienst entlassen. Bundesweit bekannt wurde Deckert als Chef der rechtsextremistischen NPD von 1991 bis 1996. Die Zeit von November 1995 bis Oktober 2000 saß Deckert in Haft, verurteilt unter anderem wegen Volksverhetzung, Aufstachelung zum Rassenhass und Verunglimpfung, so das sächsische Landesamt für Verfassungsschutz (LfV). Dessen Chef, Reinhard Boos, hält Deckert für einen überzeugten Rechtsextremisten. Für unverbesserlich hielt ihn ein Gericht. Der heute 62-Jährige klopft Sprüche wie: „Ich kann Auschwitz und Befreiung nicht mehr hören“. „Politische Treibmine“ vor der StadtSeit die PDS-Landtagsabgeordnete Elke Altmann Deckerts Kneiper-Ambitionen in Gränitz öffentlich machte, herrscht Aufregung in der Gegend. Der zuständige Ortsvorsteher Hartmut Schmidt hat angeblich erst aus der Zeitung erfahren, was da auf das Dörfchen zukommen könnte und ist sauer, dass kein Hinweis von den zuständigen Behörden kam. Doch Deckert selbst hatte schon im September im Gemeindeamt nach Müll-, Wasser- und Stromkosten gefragt. „Die wissen lange, dass ich komme“, sagt er.Auch die Immobilien-Abteilung der Treuhandanstalt erkannte offenbar nicht, wer da seit langem schon etwas in Sachsen suchte und sich die Immobilien-Kataloge schicken ließ. Gränitz sei nur zweite Wahl gewesen, als er im Juli 2001 bei einem Dresdner Auktionshaus mitgesteigert habe, sagt Deckert. Eigentlich wollte er in die Gegend um Bautzen, sei da aber überboten worden. Für 25 000 Mark habe er den Gasthof Gränitz erhalten. Aus dem soll nun das „Deutsche Haus“ werden, ein Ort für Parteitage und Tagungen, allen national-gesinnten Gruppen offen, so die Informationen der Verfassungsschützer. Und Deckert bestätigt: Wenn die Republikaner kämen und die Miete stimme, gäbe es keine Probleme. Aber auch der Ortsfeuerwehr stehe sein Haus offen. Einen „Cola-Ball“ für die 13- bis 17-Jährigen will er veranstalten und Ferienzimmer für Freunde einrichten. Mit einem Biergarten soll es im Sommer losgehen, um Geld in die Kassen zu bekommen. Schon im November hatten die Verfassungsschützer das Landratsamt Freiberg informiert. Landrat Volker Uhlig sieht eine „politische Treibmine vor der Bergstadt“, die mit ihrer Weltoffenheit international werbe. „Wir wollen ihn hier nicht “, sagt Uhlig und glaubt sich im Konsens mit seinem Kreistag. Zum „Aufstand der Anständigen“ ruft nun im Freiberger Land die Bürgerinitiative „Kein Nazi-Zentrum in Gränitz“ auf. Morgen will sie die Einwohner des Ortes informieren. Doch weil das Problem schon zur öffentlichen Angelegenheit geworden ist, wurde den Aktivisten der Versammlungssaal wieder gekündigt. „Aus Platzgründen“, so Ortsvorsteher Schmidt. Doch der habe nur Furcht, dass es schon zur ersten Saalschlacht kommen könnte, glaubt die Bürgerinitiative. Deckert nämlich hat schon angekündigt, dass er dabei sein werde, wenn jene „Volksverhetzer“ von der PDS Lügen über ihn verbreiten. Deckert: „Wenn hier eine Synagoge gebaut würde, wäre kein Krach.“ Doch der Zoff hat schon begonnen und Deckert will besonderen Polizeischutz für seinen künftigen Zweitwohnsitz. Wenn Beamte ihn nicht schützen könnten, lasse er „Fallen“ aufstellen, droht er. Denn Unbekannte haben schon sein künftiges „Deutsches Haus“ beschmiert. „Fuck off NPD“ ist da zu lesen. Von der NPD dürfte Gränitz jedoch eher weniger Ärger drohen. Denn auf dem jüngsten Bundesparteitag stießen die Rechtsextremen ihren Ex-Chef regelrecht vom Rednerpult weg. Deckert, so wird berichtet, wollte nicht mehr aufhören zu schwadronieren. Nun ist er über Kreuz mit seiner Partei. Nur wenige Getreue sind ihm geblieben, glaubt der Verfassungsschutz. Dennoch müsse „mit einem Ansteigen rechtsextremistischer Aktivitäten in der Gegend gerechnet werden“, wenn man Deckert gewähren lasse, sagt LfV-Chef Boos voraus.