Nazis in Freiberg

Radio Darmstadt, 12.05.2002

Anmoderation

Die heile Welt von Darmstadts Schwesterstadt Freiberg in Sachsen bringt uns das Darmstädter Echo ins Haus. Einen Blick hinter diese Fassade wirft Freibergs alternative Zeitung, der FreibÄrger. Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte hat dabei Erschreckendes gefunden.

Beitrag Walter Kuhl

Organisierte Neonazis im Landkreis Freiberg? Auf diese Frage antworten Polizeiführung und Kommunalpolitiker regelmäßig mit gibt es nicht oder nicht so schlimm. Die gewaltbereiten Sprüher gelten nicht nur in Darmstadt, sondern auch in Freiberg als weitaus gefährlicher. Ist ja logisch. Wer das Eigentum anderer beschädigt oder zerstört, ist ein Feind der kapitalistischen Ordnung. Nazis und Neonazis hingegen gehören seit rund 80 Jahren zum Kapitalismus wie der Verschluß zum Einweckglas. Weswegen unsere verfassungsmäßige Ordnung ja auch von als Neonazis verkleideten Verfassungsschützern – oder sind es als Verfassungsschützer verkleidete Neonazis? – verteidigt werden muß. Damit die verfassungsmäßig geschützten Neonazis in Ruhe ihrem Treiben nachgehen können, erwerben sie Zentren wie den Club 88 in Neumünster oder das inzwischen aufgelöste Zentrum Hetendorf in Niedersachsen.

Doch trotz der vielen Graffitis machen sich auch im Landkreis Freiberg die allseits beliebten und gehätschelten Investoren aus dem Westen breit. Der als Holocaust–Leugner bekannte ehemalige Bundesvorsitzende der NPD Günter Deckert erwarb im September letzten Jahres für den Spottpreis von 5000 Mark das Dorfgasthaus in Gränitz. Eine Bürgerinitiative vor Ort sieht ziemlich klar, was dies bedeuten könnte. Ein funktionierendes Nazi–Zentrum in Gränitz würde nicht nur für Saufgelage und Nazi–Konzerte, sondern auch als Schulungszentrum genutzt werden. Eine Gruppe von etwa 20 Neonazis aus Freiberg steht schon jetzt für Deckerts Projekt bereit. Neben einem Dutzend älterer NPD–Mitglieder zeigt sich besonders die Freiberger Kameradschaft Norkus engagiert, ein Zusammenschluß von etwa 10 Jungnazis unter der Leitung des NPD–Funktionärs Sandro Kempe. Beim Renovieren des Gasthofs in Gränitz wurden folgerichtig einschlägig bekannte vorbestrafte jugendliche Neonazis gesichtet.

Günter Deckert, unter dessen Regie dieses möglicherweise neue Nazi–Zentrum etabliert werden soll, stammt aus Heidelberg und war bis 1988 Gymnasiallehrer für Englisch und Französisch. Mit 25 Jahren trat er der NPD bei und war von 1991 bis 1995 ihr Bundesvorsitzender. Deckert ist mehrfach wegen Beleidigungen zu Geldstrafen verurteilt worden und hat wegen Volksverhetzung im Gefängnis gesessen. Deckert ist maßgeblich für die Radikalisierung der NPD durch die Öffnung gegenüber der militanten Neonazi–Szene verantwortlich. Vom Zentrum bei Freiberg könnte ähnlich wie in Zittau und Wurzen eine Signalwirkung für die rechtsradikale Szene ausgehen. Für Menschen nichtdeutschen Passes wird das Leben dadurch sicher nicht einfacher. Insbesondere dann, wenn sie einerseits ohnehin in unhaltbaren hygienischen Zuständen untergebracht werden, wie in Freibergs Asylbewerberheim, und andererseits die Spezialisten für Ruhe, Ordnung und Graffitijagd das alles nicht so schlimm finden.

Jüngstes Beispiel: Ein 10–jähriges Mädchen wird von einer Horde rechter Jugendlicher durch Friedeburg gejagt und körperlich angegriffen. Obwohl das Mädchen als Negerkind beschimpft wurde und sich der Anführer der Gruppe als rechts gesinnt bezeichnet, mußte die Polizei erst prüfen, ob fremdenfeindliche Motive vorlagen. Und sie kommen damit durch, weil die Neonazis und ihre Untaten regelmäßig banalisiert, individualisiert oder ganz verschwiegen werden. Und das Darmstädter Echo hat sich bekanntlich bis heute nicht zu den schon lange bekannten Spuren rechter Gewalt in Freiberg und Umgebung geäußert.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt.