Verfassungsschützer und Bürger befürchten rechtsextremistische Aktionen

Sven Heitkamp, Dresdner Neuesten Nachrichten, 12. Mai 2002

Freiberg. Ein graues Haus, der Schriftzug „Gasthof Gränitz“ schimmert noch aus alter Zeit. Jahrelang tat sich in dem einst beliebten Landlokal südlich von Freiberg gar nichts mehr. Erst seit einiger Zeit sind Bauleute am Werk. Einer von ihnen, ein kräftiger Kerl mit Brille, Karo–Hemd und Cordhose, ist jedoch ein Mann, der jahrelang düstere Schlagzeilen machte: Günter Deckert, Anfang der 90er Jahre Chef der rechtsextremen NPD, baut im Erzgebirge einen Knotenpunkt für sein neonazistisches Netzwerk auf. Seit der 62–Jährige das Gebäude voriges Jahr beim Dresdner Auktionshaus erwarb, ist der Verfassungsschutz alarmiert: „Es kann davon ausgegangen werden, dass Deckert mit Hilfe des Objektes rechtsextremistische Ideologie verbreiten will. Sollte es zur Einrichtung dieses Tagungs- und Veranstaltungszentrums für Rechtsextremisten kommen, besteht die Gefahr des Anstiegs rechtsextremistischer Aktivitäten in der Region.“ Aus einem Aufruf Deckerts gehe hervor, dass er beabsichtige, die Liegenschaft in Gränitz als „Deutsches Haus“ für Tagungen, Seminare, Parteitage und Konzerte zu nutzen. Deckert ist für die Fachleute ein rotes Tuch: „Es kann von einem überzeugten Rechtsextremisten gesprochen werden, dessen Aussagen nicht selten fremdenfeindlichen, antisemitischen und revisionistischen Charakter haben.“ Als NPD–Chef war Deckert im Herbst 1995 von den eigenen Leuten weggeputscht worden. Von 1995 bis 2000 saß der Auschwitz–Leugner wegen Aufstachelung zum Rassenhass, Volksverhetzung und Verunglimpfung in Haft. Er ist indes nicht der einzige, der im Osten Fuß fassen will. In Sachsen–Anhalt hat jetzt der militante Rechtsextremist Steffen Hupka das Schloss Trebnitz im Kreis Bernburg erworben. Er will dort gemeinsam mit NPD–Größen ebenfalls ein „Schulungshaus“ für Gesinnungsgenossen einrichten. Deckert ist auch im Erzgebirge nicht allein. Freiberger NPD–Mitglieder sowie Angehörige der rechtsextremistischen Kameradschaft „Norkus“ würden ihn unterstützen, berichtet der Verfassungsschutz. Deckert erzählt dagegen, das Haus, dass „Zum deutschen Erzgebirge“ heißen könne, solle für viele Gäste offen stehen: auch für den Feuerwehrabend oder den Dorftanz. Der frühere Lehrer aus Weinheim (Baden–Württemberg) zieht aber klare Grenzen: ausländische Gruppen oder die PDS dürfen nicht rein. Viele Leute im Ort sehen Deckerts Absichten mit Sorgenfalten. „Wer weiß, was dann alles hier los ist“, sagt eine ältere Frau, die vom Gartenzaun den Gasthof sehen kann. Angst gebe es bei vielen der 160 Einwohner. Inzwischen formiert sich Protest. Eine Bürgerinitiative um die 26–jährige Studentin Katy Unger, die als Parteilose für die PDS im Freiberger Stadtrat sitzt und für den Bundestag kandidiert, will die Öffentlichkeit über die Aktivitäten aufklären und darauf drängen, dass Deckert keine Gaststättenkonzession erhält. Der Rechtsextremist versuche bereits, junge Leute in der Region anzuwerben. Daher hat die Bürgerinitiative zusammen mit Landrat Volker Uhlig (Allianz unabhängiger Wähler) für den 23. Mai zu einer Demo in Freiberg aufgerufen. Dabei geht es auch um persönliche Ängste: Gegen Deckert engagierten sich viele junge Leute, deren Jugendhäuser bereits von Neonazis angegriffen wurden. „Und wir befürchten“, so Unger, „dass die Übergriffe zunehmen.“