Das »Deutsche Haus« des Holocaust-Leugners

Martin Petersen, Neues Deutschland, 13. Mai 2002

Der frühere NPD–Chef Günter Deckert baut im Erzgebirge einen Gasthof zum Neonazi–Treffpunkt um

Günter Deckert, Anfang der 90er Jahre Chef der rechtsextremen NPD und noch immer einer der führenden Neonazis, will im Erzgebirge einen neuen Treffpunkt für Rechtsradikale aufbauen. Die sächsische PDS ist alarmiert: Kürzlich warnte die Landtagsabgeordnete Elke Altmann, der Neonazi Günter Deckert habe angekündigt, im »Gasthof Gränitz« südlich von Freiberg eine Gastwirtschaft und Jugenddiskothek zu eröffnen. »Wir dürfen uns nicht wundern, wenn dort demnächst Konzerte neonazistischer Skinbands stattfinden. Man kann wohl kaum jemanden als vertrauenswürdige Person zur Beaufsichtigung von Jugendlichen betrachten, der wegen seiner neonazistischen Aktivitäten aus dem Schuldienst entfernt worden ist und als Holocaust–Leugner eine mehrjährige Haftstrafe verbüßen musste«, sagt Altmann. »Deckert als Kneipenwirt«, ergänzt Altmanns Fraktionskollegin Kerstin Köditz, »das ist das gleiche wie die Beschäftigung eines notorischen Rauschgift–Dealers als Betreuer eines Jugendzentrums. Der einzige Unterschied besteht darin, dass Deckert geistiges Gift unter die Leute zu bringen versucht.«

Ausländer und Linke sind nicht willkommen

Inzwischen formiert sich in der Region der Protest. Eine Bürgerinitiative um die 26–jährige Geologie–Studentin Katy Unger, die als Parteilose für die PDS im Freiberger Stadtrat sitzt, will die Bürger und die Öffentlichkeit über die Aktivitäten aufklären. Deckert versuche bereits, junge Leute aus der Gegend anzuwerben, sagt Unger, die im September für den Bundestag kandidiert. Für Mitte Mai plant sie eine Bürgerversammlung, nachdem eine Veranstaltung im April am Widerstand des Bürgermeisters gescheitert war.

In der Bürgerinitiative engagieren sich vor allem junge Leute aus der Region – darunter einige, deren Jugendhäuser von Neonazis überfallen wurden. Unger schwant Schlimmeres: »Wir befürchten, dass die Übergriffe künftig zunehmen werden.« Unterstützung erfährt das Bündnis vom Freiberger Landrat Volker Uhlig (Allianz Unabhängiger Wähler), der inzwischen eine »Allianz gegen Extremismus« initiiert hat. Wenn rechte und linke Kräfte gewaltbereit aufeinander treffen, gerate die Region in die Gefahr, ein zweites Sebnitz zu werden, warnte Uhlig kürzlich im Kreisparlament. Deckert beklagt sich unterdessen über »Anschläge« auf sein Anwesen. Mehrfach seien Scheiben eingeworfen und sein Fahrzeug demoliert worden. Ein eindeutiges Graffiti an der Hauswand des grauen, verwitterten Gasthofes kündet zumindest davon, dass Antifaschisten zur Stelle waren. Der 62–jährige rechtsradikale Lehrer aus Weinheim (Baden–Württemberg) ist gelegentlich in dem Gebäude gleich hinter der Ortseinfahrt von Gränitz anzutreffen.

In Karohemd und Kordhose werkelt er mit Bauleuten an dem Haus, das er im Herbst vergangenen Jahres erwarb. Noch diesen Sommer will er einen Freisitz eröffnen. Das Lokal, so Deckert, könne beispielsweise »Zum deutschen Erzgebirge« heißen und solle für viele Gäste offen stehen, auch für den Feuerwehrabend oder den Dorfschwof. Eines stehe jedoch fest: Ausländische Gruppen und die PDS sind nicht willkommen. Bei den Behörden ist der Herr mit dem freundlichen Auftreten bisher nicht angeeckt und erledigte alles Geschäftliche unter dem eigenem Namen: vom Kauf des Gebäudes bei einem Dresdner Auktionshaus bis zur Anmeldung von Strom, Wasser und Müllabfuhr. Ungers Bürgerinitiative und die PDS–Abgeordneten wollen aber darauf drängen, dass Deckert wenigstens die Gaststätten–Konzession nicht erhält.

»Wer weiß, was dann hier los ist«

Unterdessen hat sich der Verfassungsschutz des Falles angenommen. »Es kann davon ausgegangen werden, dass Deckert mit Hilfe des Objektes rechtsextremistische Ideologie verbreiten will. Sollte es zur Einrichtung dieses Tagungs– und Veranstaltungszentrums für Rechtsextremisten kommen, besteht die Gefahr des Anstiegs rechtsextremistischer Aktivitäten in der Region«, warnt das Landesamt. Aus einem Aufruf Deckerts gehe hervor, dass er beabsichtige, die Liegenschaft in Gränitz nach den Renovierungsarbeiten als »Deutsches Haus« für Tagungen, Seminare, Parteitage und Konzerte zu nutzen – ähnlich wie der Rechtsextremist Steffen Hupka, der im sachsen–anhaltischen Landkreis Bernburg ein altes Schloss gekauft hat.

Der einstige braune Parteifunktionär Deckert ist für die Fachleute ein rotes Tuch: »Es kann von einem überzeugten Rechtsextremisten gesprochen werden, dessen Aussagen nicht selten fremdenfeindlichen, antisemitischen und revisionistischen Charakter haben.« Als NPD–Vorsitzender war Deckert im Herbst 1995 von den eigenen Leuten aus dem Amt gejagt worden. Er saß dann bis Oktober 2000 unter anderem wegen Aufstachelung zum Rassenhass, Volksverhetzung und Verunglimpfung in Haft.

Nun versucht er, in der NPD erneut Einfluss zu gewinnen – laut Verfassungsschutz auch mittels Kontakten zu Rechtsextremisten und NPD–Mitgliedern im Erzgebirge und in Görlitz. Freiberger NPD–Mitglieder sowie Angehörige der rechtsextremistischen Kameradschaft Norkus unterstützen Deckert beim Aufbau des Hauses in Gränitz, heißt es beim Verfassungsschutz. Viele Leute des 160–Seelen–Ortes beobachten Deckerts Treiben mit Angst und Unsicherheit. »Wer weiß, was dann alles hier los ist«, sorgt sich eine ältere Frau, die von ihrem Gartenzaun aus den Gasthof beobachten kann.