Archiv für August 2002

Doppelbett und Rasenmäher

erschienen in Spiegel Online, 05.08.2002

Von Cziesche, Dominik und Hielscher, Almut

Neonazis kaufen republikweit Immobilien, um Schulungszentren zu errichten. Auf gute Kontakte zur jeweiligen neuen Nachbarschaft legen sie dabei besonderen Wert.

Der neue Mieter ist ein seltener Gast auf dem großflächigen Anwesen. Aber wenn er sich blicken lässt, kommt der rheinland-pfälzische NPD-Funktionär Sascha Wagner meist nicht allein. An die 500 braune Kameraden aus der ganzen Republik und dem angrenzenden Ausland strömten etwa vorvergangenes Wochenende in das abgeschiedene Elmsteiner Tal im Pfälzer Wald. Dort jubelten sie den beiden ultrarechten Bands Brigade M und Brutal Attack zu. (mehr…)

Bürgerinitiative befürchtet die Entstehung eines Neonazizentrums auf halbem Weg zwischen Chemnitz und Dresden

aus blick nach rechts 8/2002

In Gränitz, einem Ortsteil von Langenau, das in die Stadt Brand-Erbisdorf eingemeindet worden ist, herrscht Aufregung. Im August vergangenen Jahres war der Gasthof des Ortes verkauft worden. Wie jetzt bekannt wurde, hat sich nach langen Jahren des Leerstandes ein Käufer gefunden, der die preisgünstige Gelegenheit beim Schopf gefasst hat und die Wirtschaft künftig unter anderem als Jugenddiskothek nutzen will.
Aufregung herrscht in dem sächsischen Dorf, weil der Käufer ausgerechnet der ehemalige NPD-Parteivorsitzende Günter Deckert ist. Der hat vor einiger Zeit ein Jura-Studium in Heidelberg begonnen und gar nicht vor, seinen Lebensabend als Gastwirt zu verbringen.
Deckert hat lediglich den Kaufpreis in Höhe von 25 000 DM aufgebracht, um das Anwesen von der Treuhand zu ersteigern. Die erforderliche Konzession hat ein Gastwirt aus Annaberg-Buchholz, der im Auftrag Deckerts tätig werden soll. Nach vorliegenden Informationen soll es sich um einen ehemaligen Landesschatzmeister der sächsischen NPD handeln. Vor Ort mehren sich die Befürchtungen, es könne anderes geplant sein als eine simple Diskothek.
Elke Altmann, die örtliche PDS-Landtagsabgeordnete, sieht die Gefahr, dass im dörflichen Umfeld ein neues überregionales Zentrum der Neonazis geplant sein könnte. Die günstige Lage auf halbem Weg zwischen Chemnitz und Dresden legt eine solche Vermutung nahe. Günter Deckert, heute wichtiger Vertreter der innerparteilichen Opposition gegen den derzeitigen NPD-Vorsitzenden Udo Voigt, weiß um wichtige Verbündete in der Region und in seinem politischen Umfeld. Die hat er auch nötig, da er in der NPD zunehmend ins Abseits geraten ist.
Zu dieser Opposition, die sich um die im Januar offiziell aufgelöste Revolutionäre Plattform gruppierte, gehört beispielsweise Ronny Thomas, zeitweise Kreisvorsitzender der NPD in Dresden und zugleich Chef der dortigen Kameradschaft Sachsenfront. Thomas ist vorbestraft, weil er im Mai 1998 an einem Überfall auf Punks beteiligt war. Auch in der Lausitz, wo Deckert zunächst ein Objekt in der Gegend von Bautzen favorisiert hatte, verfügt er über einschlägige Verbündete wie den Görlitzer NPD-Kader Jürgen Krumpholz, dem die Organisation der letzten Tagung der NPD-Opposition oblag. Für diese Kräfte, die sich zunehmend von der Parteiführung abwenden, wie auch für offen neonazistische Gruppen wie den Leserkreis der Zeitschrift „Recht und Wahrheit“, für dessen Treffen Deckert neuerdings Kontaktperson ist, dürfte das Anwesen attraktiv sein und als Anlaufpunkt dienen.
Deckert selbst gibt unumwunden zu, dass er beabsichtige, Gästezimmer herzurichten, um Freunde zu beherbergen. Programmatisch will er seinen neuen Besitz „Deutsches Haus“ benennen. Ihn stört vor allem, dass der Plan noch vor der Verwirklichung in die Öffentlichkeit gekommen ist. Denn vor Ort hat sich eine Bürgerinitiative gebildet, die über Deckert und dessen Vergangenheit informiert und sich zum Ziel gesetzt hat, ein Neonazi-Zentrum zu verhindern.

Deckert sieht wieder einmal Volksverhetzer von der PDS am Werke, die Lügen über ihn verbreiten. So präsentiert er sich als verfolgte Unschuld und nutzt zugleich die Gelegenheit, antisemitische Ressentiments zu verbreiten: Wenn hier eine Synagoge gebaut würde, wäre kein Krach. Angst vor Krach hat auch der Ortsvorsteher, der erst aus den Medien erfahren haben will, was seiner Gemeinde ins Haus steht. Der Bürgerinitiative hat er aus Angst vor Auseinandersetzungen den angemieteten Raum gekündigt. Deckert selbst behauptet, sich schon im Herbst vergangenen Jahres an die Verwaltung gewandt zu haben.
Zu der Versammlung der Gegner will er persönlich erscheinen, für sein Anwesen fordert er von der Polizei Objektschutz. Der zuständige Freiberger Landrat Volker Uhlig befürchtet eine politische Treibmine. Eine späte Einsicht. Denn er war bereits im November 2001 durch den Verfassungsschutz informiert worden, war mit seinem Wissen jedoch nicht in die Öffentlichkeit gegangen. Doch vielleicht hat sich Deckert auch wieder einmal selbst ein Bein gestellt und mögliche Gefährten verprellt.
Während die Freien Kameradschaften und deren Umfeld in der NPD sich über den Umgang mit Informanten des Verfassungsschutzes in der Partei aufregen und der Führung Laschheit vorwerfen, hat er gerade eine Veranstaltung in Heidelberg durchgeführt. Stargast war der langjährige VS-Agent Wolfgang Frenz. Die Szene kocht. Ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, da Deckert jede Unterstützung braucht.